Im Gespräch

Christoph-Mathias Mueller: Crossover als Horizonterweiterung

März 2018:  Generalmusikdirektor Christoph-Mathias Mueller gibt einen Ausblick auf sein Abschlusskonzert, spricht über seine Liebe zur Musik und dass Offenheit ein Qualitätsmerkmal des Göttinger Symphonieorchesters ist.

Herr Mueller, ihr Engagement in Göttingen steuert nach 13 Jahren auf einen krönenden Abschluss zu. Was bieten Sie noch dem Publikum?

Bis zum Saisonende dirigiere ich vor allem Stücke, die mir wichtig sind. Rachmaninovs Toteninsel und Brahms‘ 4.Symphonie. Und zum Abschluss kommt auch Mahlers 2. Symphonie, zusammen mit Szymanowskis Stabat Mater, eine kühne Kombination! Das wird gleichzeitig ein Kooperationsfest, weil erstmals beide großen Göttinger Kantoreien im selben Konzert singen, die Kantorei St.Jacobi und die Stadtkantorei. Außerdem haben wir das Orchester aus Göttingens Partnerstadt Thorn dabei. Der Text im letzten Satz des Chores heißt ‚Auferstehen‘. Das setzt einen sehr optimistischen Schlusspunkt. Meine letzte Saison in Göttingen ist ebenfalls geprägt von Solisten, die mir musikalisch und menschlich nahestehen, von Stücken, die mich über Jahrzehnte beschäftigt haben – und die ich liebe. Diese Liebe möchte ich weitergeben.

Haben Sie ein solches Stück Liebe schon auf CD festgehalten, als Vermächtnis für Göttingen?

Ja, zum Beispiel die Debussy-Doppel-CD! Da haben wir eine Aufgabe erfüllt,die musikwissenschaftlich sehr wichtig war. Wir haben zwei Opern von Debussy uraufgeführt. Das Publikum war begeistert und es gab eine unglaublich große internationale Resonanz. Da wurde Göttingen wirklich wahrgenommen. Hinzu kommen natürlich auch die ‚Russian Trumpet Concertos‘ mit Reinhold Friedrich, der dafür 2013 den ECHO Klassik gewonnen hat und die‚Russischen Oboen-Konzerte‘, mit denen wir, die Solistin Maria Sournatcheva, das Göttinger Symphonie Orchester und der Dirigent 2017 den ECHO Klassik gewonnen haben.

Wie empfinden Sie die Beziehung zwischen Ihnen und dem Publikum?

Unsere Beziehung ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen, das war mir von Anfang an wichtig. Ich wünsche mir, dass das Publikum in die Konzerte kommt – ein bisschen überspitzt gesagt: ohne dass es immer genau die Werke kennt, die wir spielen. Ich wollte das Grundvertrauen stärken, dass die Qualität grundsätzlich gut sein wird. Das Orchester und ich arbeiten täglich daran, dieses Vertrauen zu erfüllen. Und ich spüre nun genau dieses Vertrauen beim Publikum.

Welches Konzept haben Sie dafür?

Einerseits ist ein hoher Anspruch wichtig, gleichzeitig auch ein breit aufgestelltes Programm. Die Qualität war für mich immer der Leitgedanke, die musikalische Qualität wie die Qualität der Ausführung. Und deshalb hat mich beispielsweise die Kombination ‚Pop meets Classic‘ interessiert, weil Pop-Musiker eine tolle Bühnenpräsenz haben. Spannende musikalische Kombinationen haben die Akzeptanz des Orchesters gefördert.

Im Programm des Göttinger Symphonieorchesters haben Sie die „Kulturelle Begegnung“ eingeführt und als Konzertreihe etabliert.

Das war mir ein besonderes Anliegen. Es geht um Begegnungen außerhalb des gängigen Konzertformats, auch außerhalb des zentraleuropäischen Repertoires. Das Publikum war altersmäßig sehr gemischt, es kamen Menschen, die neugierig sind, das Deutsche Theater war ausverkauft. Das GSO wurde neu wahrgenommen, das war für uns sehr beglückend. Es gab etwa chinesische und indische Musiker, jetzt für meine letzte Saison auch das Schwyzerörgeli, eine Variation des Akkordeons. Daraus haben wir ein Programm erstellt mit drei Konzerten, mit den ‚Instrumentengeschwistern‘ Bandoneon und mit Bajan. Das ist Crossover im besten Sinne und für alle eine Horizonterweiterung, auch für die Musiker.

Was geben Sie dem Orchester an die Hand, wie sollte es sich weiterentwickeln?

Ich bin zuversichtlich, dass das Orchester seine Offenheit behält, weil es selbst aus so vielen verschiedenen Nationalitäten besteht. Ich habe die stilistische Vielfalt stark gefördert, von der französischen Musik über die amerikanische bis zur chinesischen Musik, von der Frühklassik bis zur jüngsten Moderne: all dies hat die Virtuosität und Flexibilität des Orchesters weiter beflügelt. Dem Orchester wünsche ich immer dieses treue und warmherzige Publikum, auch unabhängig davon, wer den Takt vorgibt.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Fragen: Johannes Broermann)

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