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AULA KLASSIK 4 AM 28./29.04.22 MIT DEM GAUSS-QUARTETT

»Aula Klassik 4« am 28./29. April:

Originale, Inspirationen und Abschiedswerke


Ludwig van Beethoven (1770-1827) »Coriolan«-Ouvertüre op. 62

Jean Sibelius (1865-1957) »Valse triste« und »Szene mit Kranichen« op. 44 Nr. 1+2

Matthew Hindson (*1968) »The Rave and the Nightingale« für Streichquartett und Streichorchester

Graeme Koehne (*1956) »To his servant Bach God grants a final glimpse« für Streichorchester

Franz Schubert (1797–1828) Symphonie Nr. 7 h-Moll D 759 – »Unvollendete«



Nicholas Milton Dirigent

Gauss Quartett

Göttinger Symphonieorchester



GSO-Chefdirigent Nicholas Milton präsentiert an zwei Abenden Ende April ein klug komponiertes Programm mit vielfältigen inneren Bezügen: Beethovens »Coriolan«-Ouvertüre und Schuberts »Unvollendete«, Sibelius‘ zarte Miniaturen »Valse triste« und »Szene mit Kranichen« sowie Werke von zwei spannenden zeitgenössischen Komponisten aus Australien: Matthew Hindson und Graeme Koehne; für eine Schubert-Verwandlung aus der Feder Hindsons ist das fantastische Gauss Quartett engagiert.

Zu erleben ist das entgegen der ursprünglichen Planung zum Teil geänderte Programm am Donnerstag und am Freitag, 28. und 29. April 2022, jeweils um 19:45 Uhr in der Aula am Wilhelmsplatz Göttingen.

Tickets sind auf der Homepage des GSO unter www.gso-online.de sowie an allen bekannten VVK-Stellen erhältlich.


Es gibt Musikwissenschaftler, die zwei miteinander streitende Themen als zentral für die Gattung Symphonie ansehen. Das eine bezeichnen sie als männlich, das andere als weiblich. Wenn sich beide Themen vereinen, findet die Musik Erlösung. Das, was dieser Interpretation zufolge in jedem größeren symphonischen Werk passiert, gelingt Ludwig van Beethoven meisterhaft innerhalb weniger Minuten: In seiner Ouvertüre zu dem seinerzeit populären Drama »Coriolan« von Heinrich Joseph von Collin sind es zwei Themen, die im Wettstreit miteinander stehen ...

Jean Sibelius schuf Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls die Musik zu einem Theaterstück – aus der Feder seines Schwagers. Ob er ein bisschen bei Wagners »Tannhäuser« abgeguckt hat? Wenn Sibelius die Streicher in hohen Lagen den Flug der Kraniche nachahmen lässt, meint man liebesselig zu schweben, oder? Wären da nicht ein paar dissonante Klangschichtungen, eine melancholische Melodie in der Solovioline und leise Paukenwirbel – diese fünf Minuten gehörten zum Filigransten, was die Musikgeschichte zu bieten hat! Das recht populäre Stückchen »Valse triste« beginnt mit einem Bruchrest des walzertypischen Streicher-Pizzicato und in der Tat traurigen Melodien, bevor sich – wie eine leise Erinnerung – Wiener Ballklänge herausschälen.

Mit einer anderen musikalischen Erinnerung geht es weiter. Als Franz Schubert im Frühsommer 1826 sein letztes Streichquartett mit der Nummer 15 schrieb, war er bereits ein von der Syphilis gezeichneter Mann. 2001 schuf der australische Komponist Matthew Hindson auf dieser Basis, die stets den Geist des Abschiedswerks atmet, ein eigenes Stück, das mit Schubert eine Zeitreise unternimmt. »Welche Art von Musik hätte Schubert wohl geschrieben, wenn er im späten zwanzigsten statt im späten achtzehnten Jahrhundert geboren worden wäre?«, überlegt Matthew Hindson. »In ‚The Rave and the Nightingale‘ wird dieser Gedanke als Ausgangspunkt verwendet: als ob Schubert ein Blick in den Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts gewährt würde, ausgelöst durch seine syphilitische Demenz, an der er möglicherweise litt.«

Auch Graeme Koehne ist ein zeitgenössischer australischer Komponist. Und auch »To his servant Bach God grants a final glimpse« aus dem Jahr 1977 beschränkt sich auf den Einsatz von Streichinstrumenten und greift stilistisch auf einen alten, nicht minder bekannten Komponisten zurück: auf Johann Sebastian Bach. Allerdings überführt Koehne – bekannt dafür, die Ohren der Zuhörer nicht über die Maßen herauszufordern – Bachs Musik nicht ins heute, sondern belässt es bei einem quasi romantischen Barock-Gestus. Keine Frage, das Ergebnis weiß zu schmeicheln.

Das Konzertfinale bildet ein von Legenden umwobenes Fragment. Franz Schuberts siebte (in früherer Zählung achte) Symphonie. Alt wurde er ja nicht; doch sein Tod war noch einige Jahre entfernt, als er sie unfertig beiseitelegte. Warum tat er das? Spürte er, dass mit zwei ausgeführten von vier geplanten Sätzen alles über das Leben gesagt war? Langsam, im geheimnisvollen Pianissimo eröffnen die Bässe das Allegro moderato. Die Violinen spielen vibrierend-flimmernde Begleitfiguren, die den Einsatz des Themas vorbereiten; diese kantable Weise wird von der Oboe und Klarinette vorgetragen. Stets hören wir die Sechszehntelumspielungen und das pulsierende Auftaktmotiv aus den einleitenden Takten. Und der liedartige, in sich kreisende Seitengedanke, von den Celli in sonorer Tenorlage präsentiert, ist wohl eine der berühmtesten Melodien Schuberts …

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