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LOKHALLE KLASSIK 3: DAS GSO WANDERT DURCH SIBELIUS‘ UND TSCHAIKOWSKYS SEELENWELTEN

Aktualisiert: 11. Jan.

Das kann nur die Romantik: Jean Sibelius‘ Violinkonzert und Peter I. Tschaikowskys fünfte Symphonie blicken in Seelenwelten als seien sie aus Glas.

Am Sonntag, 23. Januar 2022, um 19.45 Uhr findet in der LOKHALLE Göttingen (Halle 3) unter der Leitung von Chefdirigent Nicholas Milton das dritte Konzert der GSO-Reihe »Lokhalle Klassik 3« statt. Das Programm wurde coronabedingt in Teilen geändert. Als junge, bereits hellglänzende Starsolistin ist aber wie geplant die 2000 in Armenien geborene Geigerin Diana Adamyan dabei, die sich 2018 den ersten Preis und zugleich den Publikumspreis bei der renommierten »Menuhin Competition« in Genf erspielte.

Tickets sind auf der Homepage des GSO unter www.gso-online.de sowie an allen bekannten VVK-Stellen erhältlich.



Von musikalischen Werken auf das Innenleben eines Komponisten schließen zu wollen, ist oft genauso müßig, wie etwa einen TV-Schauspieler zum historischen Vorbild der von ihm gespielten Figur zu befragen. Und doch gibt es Ausnahmen, zweien begegnen wir in diesem Konzert. Die einzige Gebrauchsanweisung lautet, den Blick von Nationalismen ab- und dem reinen Menschen zuzuwenden.


Jean Sibelius stammt aus der landschaftlichen Einsamkeit. Und keinem skandinavischen Komponisten sind Klischees wohl mehr zum Verhängnis geworden als diesem »grüblerischen Finnen«. Erstens schuf er mit der »Finlandia« die inoffizielle Hymne seines Heimatlandes. Zweitens ging er im Laufe des 20. Jahrhunderts seine eigenen, nicht immer modernen Wege. Und drittens zog er sich schon bald in sein einsames Landhaus zurück. Während Künstler und Publikum im anglo-amerikanischen Raum diesen Wanderer durch seelisches Licht und Dunkel bald für sich entdeckten, dauerte es hierzulande länger, bis Sibelius‘ Werke die Konzertbühnen eroberten – möglicherweise aber nachhaltiger: Seit ein paar Jahrzehnten scheint es, als seien vor allem eine Handvoll Stücke, darunter zweifellos das um 1904 entstandene d-Moll-Violinkonzert, aus den Spielplänen gar nicht mehr wegzudenken.


Sibelius war selbst ein guter Geiger und wusste, welche Spielweisen technisch möglich sind und wie die Virtuosität besonders gut zur Geltung kommt. Mitunter wurde dieses Konzert deshalb als spätromantisches Virtuosenstück voller Effekte abgetan. Jedoch sind die Solopassagen kein Selbstzweck, gemeinsam finden Solovioline und Orchester in rhapsodischer Form immer wieder elegant zusammen. Sibelius scheint hier nicht als Klischee-Finne, sondern einfach als Mensch mit einem reichen Innenleben zu »singen«.


Von welcher Art die seelischen Qualen waren, die Peter I. Tschaikowsky zeitlebens umgetrieben haben, lässt sich beispielhaft an der Entstehungsgeschichte seiner Fünften ablesen. Nicht nur zu Beginn der Arbeit, sondern auch mittendrin und nach Abschluss zweifelte der 1840 in Russland Geborene an deren Gehalt. »Ist nicht die Zeit gekommen aufzuhören, habe ich nicht meine Empfindungskraft überspannt?«, fragte er sich. Nach langen Komponiertagen klagte er: »[...] jetzt bin ich so müde, dass ich nicht einmal fähig bin zu lesen.« Und noch als er die fünfte, 1888 uraufgeführte Symphonie, die vielen als seine ausdrucksstärkste gilt, dreimal selbst aufgeführt hatte, meinte er: »[nun] bin ich von ihrem Misserfolg überzeugt. Es ist etwas Abstoßendes darin, Flickwerk, Unaufrichtigkeit und Kunstkniffe.« Diese Urteile sind umso bemerkenswerter, je breiter der bis heute ungebrochene Siegeszug dieses Werkes wurde, nachdem der Dirigent Arthur Nikisch sie wiederentdeckt hatte.

Natürlich ist es, wie bei Tschaikowsky gewohnt, auch hier die sangliche Melodik, die den zahlreichen Themen besonderen Charakter verleiht. Aber auch die Rhythmik spielt eine Rolle – nicht zuletzt im Leitthema, das die gesamte Symphonie bestimmt. Die Klarinette stellt es gleich in der Andante-Einleitung des ersten Satzes vor: Leise hören wir die punktierten Viertel mit anschließender Doppel-Sechzehntel. Ein (nicht veröffentlichtes) Programmfragment, das er diesem ersten Satz zugrunde legte, ist hier musikalisch treffend umschrieben: »Völlige Ergebung in das Schicksal.« Im Finale weicht die Moll-Düsternis dann strahlendem Glanz. Dur statt Moll. Das Schicksal, in das sich der erste Satz noch ergab, ist überwunden.



Jean Sibelius (1865-1957) Violinkonzert d-Moll op. 47

Peter I. Tschaikowsky (1840-1893) Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Keine Pause


Nicholas Milton Dirigent

Diana Adamyan Violine

Göttinger Symphonieorchester


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